Danke! Danke! Danke!
Ministerpräsident Carstensen bestätigt:
Der Qualitätsverlust an Regionalschulen
wird eintreten.
Der Vorsitzende des Schleswig-Holsteinischen Elternvereins und Sprecher der „Allianz für ein besseres Schulgesetz“, Ulrich G. Kliegis, berichtete heute in Kiel von einem Brief, den Ministerpräsident Peter Harry Carstensen am 23. Januar 2007 einer um die Zukunft der Realschulen besorgten Mutter und Elternvertreterin geschrieben hat:
„In einem vom 23. Januar 2007 datierenden Schreiben an eine besorgte Mutter und Elternvertreterin schreibt Ministerpräsident Peter Harry Carstensen wörtlich, buchstaben- und leerzeichengetreu zitiert:
(Zitat:)
… Erlauben Sie, dass ich dem Eindruck entgegen trete, dass bestehende Haupt- und Realschulen zusammen geworfen werden. Zukünftig kann jede Haupt- und jede Realschule, die mindestens 240 Schüler hat, eine Regionalschule bilden. Nur die Schulen müssen kooperieren, die diese Anzahl nicht erreichen. Dabei sind viele Formen der Kooperation möglich, so dass der Umzug bzw. Bau eines neuen Gebäudes nur eine von mehren Möglichkeiten darstellt. Ab dem Schuljahr 2010/ 11 wachsen die Regionalschulen von unten auf, d.h. dass im ersten Jahr ein fünfter Jahrgang, im zweiten ein fünfter und sechster Jahrgang usw. bestehen.Wir werden daher erst im Schuljahr 2015/ 16 eine vollständige Regionalschule haben. Dabei werden in der fünften und sechsten Klasse eine gemeinsame Orientierungsstufe eingerichtet, aber ab der siebten Klasse finden in den Kernfächern Deutsch, Mathe, einer ersten Fremdsprache und ab der achten Klasse zusätzlich in einer Naturwissenschaft verbindlich getrennter Real- und Hauptschulunterricht statt. Zudem werden die Schulartempfehlungen beibehalten und konsequenter umgesetzt. Dieses wird zur Folge haben, dass zukünftig sehr viel mehr zwischen Haupt- und Realschulklassen getrennt werden wird. Heute müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass vielfach Kinder mit einer Empfehlung zur Hauptschule in Realschulen sind, den Anforderungen nicht gewachsen sind und dadurch das Niveau der Realschulen sinkt. Sie können daraus ersehen, dass wir bereits heute faktisch Regionalschulen haben. Allein 40 Realschulen haben bereits einen Hauptschulanteil, zum Teil mit einer gemeinsamen Orientierungsstufe.“
(Zitat Ende)
Und nochmal, weil es deutlicher nicht zu sagen ist:
Zitat Peter Harry Carstensen, Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein, am 23.1.2007:
„Heute müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass vielfach Kinder mit einer Empfehlung zur Hauptschule in Realschulen sind, den Anforderungen nicht gewachsen sind und dadurch das Niveau der Realschulen sinkt. Sie können daraus ersehen, dass wir bereits heute faktisch Regionalschulen haben“.
(Zitat Ende)
Der Elternvereinsvorsitzende kommentierte:
„Besser kann man es wirklich nicht sagen, Herr Ministerpräsident.
Der VDR sollte Ihnen die Ehrenmitgliedschaft antragen.
Aber was wird passieren, wenn nun in der Regional- oder Gemeinschaftsschule alle Hauptschulempfohlenen in diese Klassen gedrängt werden, Herr Ministerpräsident? Wir freuen uns, daß Sie das Problem genau so sehen wie wir. Aber wollte Ihre Bildungsministerin nicht weniger Trennung, am liebsten gar keine, sind Schulartempfehlungen nicht das Böse schlechthin? Wozu eine Schulartempfehlung, wenn ohnehin alle Kinder im gleichen Muspott landen? Die Hauptschulempfohlenen werden in diesem Wettbewerb noch mehr verlieren als bisher schon.
Wohlgemerkt: Dieses ist keine Abwertung oder Geringschätzung der Hauptschüler. Die Darstellung des Ministerpräsidenten macht ja vielmehr das Problem deutlich, das seine Bildungsministerin in jahrelanger Kleinarbeit geschaffen hat: Die Verkümmerung der Hauptschule.
Wie und auf welcher Grundlage kommt denn eine Schulartempfehlung der Grundschule zustande? Ganz vereinfacht: Der / die Grundschullehrer/in schätzt die Begabung und Leistung jedes Kindes ein, beobachtet dessen Entwicklung und spricht spätestens ein halbes Jahr vor dem Ende der vierten Klasse eine Schulartempfehlung aus. Dabei geht sie/er von dem Idealbild der Schulart aus, die den Eltern des Kindes empfohlen wird. Das Anforderungsprofil, das eine Haupt- oder Realschule oder ein Gymnasium für das Kind bereithalten sollen, spielt dabei die entscheidende Rolle, nicht, wie es in diesen Schulen wirklich aussieht.
Nun hat es sich aber unter den Eltern herumgesprochen, daß gerade die Hauptschulen schon lange nicht mehr das leisten können, was sie von ihrem pädagogischen Konzept her anbieten können sollten. Warum? Das größte Problem ist die bis auf das Skelett abgemagerte Personaldecke. Wo Haupt- und Grundschulen unter einem Dach vereint sind, fungiert die Hauptschule als Steinbruch für Lehrerstunden, um das politische Konzept „Verläßliche Grundschule“ zu verwirklichen. „Verläßlich“ kommt von „verlassen“, und von allen verlassen sind – neben kleinen Grundschulen, die diesem Konzept zuliebe kannibalisiert wurden, eben auch die Hauptschulen. Die Hautpschullehrerinnen und –lehrer, als pädagogische Zehnkämpfer heute mehr denn je auch noch als Sozialarbeiter, Gruppentherapeut und Förderschulpädagogen gefordert, kämpfen dort jeden Tag gegen den Mangel. Kein Wunder, daß sich das rumspricht, Eltern ihre Kinder dann lieber zur nächsten Realschule schicken.
Es geht auch anders, wie die Beispiele Nordrhein-Westfalen und Bayern zeigen. In Bayern hat die Hauptschule nie unter vergleichbarem politischem Druck leiden müssen, in NRW gelingt gerade der Wiederaufbau dieser Schulart – mit sehr gutem Erfolg.
Interessanterweise soll ja nun die Schulartempfehlung (der Grundschule!) nach den Worten des Ministerpräsidenten (und welche Ministerin wollte ihm widersprechen?) viel konsequenter durchgesetzt werden. Aber wann? Nach den zwei bis fünf Jahren Orientierungsstufe? Wozu dann überhaupt eine Schulartempfehlung der Grundschule? Da klemmt die Logik doch ganz gewaltig. Aber auch das werden wir hoffentlich in Kürze erklärt bekommen. Von unserem Ministerpräsidenten.
Darum noch einmal: Vielen Dank, Herr Carstensen!“